Zu gut erinnere ich mich an die leer gefegten Städte, wo Wildtiere immer dreister anstelle der vormals üblichen Passanten auf den Gehsteigen flanierten. Ein Freund von damals wollte sogar beobachtet haben, wie eine Horde Wildschweine den Ku’damm entlang die geschlossenen Lokale nach Vorräten und Speiseresten durchsucht hatten und auf ihrem nächtlichen Streifzug angeblich ordentlich die Trottoirs benutzt haben sollen. An die Ampelmännchen allerdings hätten sie sich nicht gehalten, will man dem Bericht von Moriarty Glauben schenken. Das ist natürlich ein Deckname. Was für eine verrückte Idee, die Ampeln in Funktion zu belassen! Aber so war das damals in Berlin und vielleicht auch im Rest der Republik. Es war die Zeit der großen Pandemie.
Mein guter Freund Moriarty hatte den Schatten der Nacht genutzt, um etwas frische Luft zu schnappen, denn eigentlich war es bei strenger Strafe verboten, hinaus zu gehen. Da keiner mehr Geld hatte und die Gefängnisse zum Zweck der Quarantäne der Schwerkranken in Isolierstationen umfunktioniert worden waren, fiel die Strafe, so man denn erwischt wurde, anders schmerzhaft aus. Man entzog den Mobilfunkgeräten die SIM-Karte oder sperrte den Internet-Zugang der Delinquenten. Bis man bei der allgemein herrschenden Kontaktsperre wieder in den Besitz seiner einzigen Kommunikationsmöglichkeit kam vergingen mindestens zwei Wochen. Bei Wiederholungstätern entzog man Lebensmittelkarten und zum Schluss sogar die Kleidung. Nackt wollten die Leute dann in der Regel doch nicht über den Damm. Um so gefährlicher war, was ich nun berichten will und was erst jetzt, nachdem das alles Geschichte ist, und vergessen, genauso wie Europa vergessen konnte, dass auf der gefährlichen Flucht übers Mittelmeer allein im Schnitt fünftausend Menschen im Jahr starben, denen keiner jemals eine Intensivstation gebaut hätte.
Moriarty war Mitglied einer Gruppe, die über einen ehemaligen Fluchttunnel zwischen DDR und BRD den geheimen Zugang zum Keller des seit Wochen verbretterten Späti an der Brunnenstrasse gefunden hatte. Dort zu ihrer Verblüffung und wachsenden Begeisterung ein Lager geistiger und sonstiger Getränke gesichert und dieses schließlich diszipliniert kontingentiert hatte. Dieser Vorrat hielt die Gruppe, bestehend aus sieben Frauen und drei Männern tatsächlich bis ans Ende der Krise in Schwung. Jede Nacht Party. Also streng verbotene Party. Aber leise. Man erzählte sich. Man hatte sich schließlich alles erzählt. Von den Exzessen beim Hamstern, von den dann trotz aller Beteuerungen der Politiker, in Deutschland wäre die Versorgungslage gesichert, immer leerer werdenden Supermärkten. So leer, bis dann schließlich alles ausverkauft gewesen war und alle Märkte geschlossen hatten und eine wilde und abenteuerliche Schwarzmarktzeit begonnen hatte, denn irgendwo war das ganze Zeug ja dann doch gelandet. Man hatte sich von den Demütigungen beim Anstehen um Lebensmittel auf Lebensmittelkarten oder Bezugsscheine erzählt. Es gäbe noch Klopapier. Hieß es, wenn alles Essbare weg war. „Gefüllte Klorolle könnt ihr Euch kochen,“ riefen die Kassiererinnen, welche zum Dank für die Monate lange Plackerei in den Supermärkten mit diesem Privileg geadelt worden waren. Man hatte sich erzählt, dass online-Bestellungen zwar bezahlt worden waren, aber nie eintrafen. Pakete unterwegs geöffnet und Inhalt geklaut. Schließlich war auch amazon zusammengebrochen. Lager leer. Man hatte sich erzählt davon, wie einige der Clubmitglieder durch die Wände hatten hören können, wie der Nachbar seine Frau schlug, oder die Kinder, oder umgekehrt und man absolut nicht wusste wie man damit umgehen sollte. All das und noch mehr hatte man sich erzählt. Aber man wiederholte sich bereits.
Gerade in diese Erkenntnis hinein hatte eine der Verschwörer*innen, Marple, die zündende Idee. Sie sagte:
„Hört alle her! Ihr könnt jetzt einfach immer weiter saufen und wir erzählen uns immer dasselbe. Aber wie sieht’s aus? Wollen wir nicht einander etwas anderes erzählen? Einer erzählt und alle anderen haben Spaß beim Zuhören. Und wir bestimmen eine Königin oder einen König, nur für die eine Nacht. Er oder sie trägt das Szepter bis der Morgen erwacht und bestimmt den Lauf des Geschehens im dunkeln Teil des Tags.“
„Okay!“ bestätigte Moriarty. „Ich bin dabei!“
„Ich auch! Wer noch?“ fragte Monroe in die Runde und nahezu ohne Zögern hoben alle die Hände.
„Wir nennen uns Der Club der König*innen, wie findet ihr das?“ – fragte Moneypenny in das anschließende Gemurmel.
„Sehr schön!“ – sagte Moriarty. „Und wer wird über die erste Nacht gebieten?
„Wir losen.“ schlug Moneypenny vor.
Das Los fiel auf Monroe. Sie verlangte, dass die Geschichten aber nicht nur erzählt, sondern auch aufgeschrieben werden sollten und man einigte sich darauf, Pauline Wibeau anzurufen. Ihr könnte man vertrauen.
So wurde ich eingeladen Chronistin zu werden und lernte den Club der König*innen im Keller des Späti kennen. Monroe bestimmte für die erste Geschichte keine andere als Miss Me, die heute Abend in einem eng anliegenden Kleid erschienen war welches sie wie eine Schlange aussehen liess.
Hier erzählt Miss Me die erste Geschichte der ersten Nacht.