B fluchte unverständlich und spuckte durch den klappernden Glasflügel der Fahrerkabine. Scheiße! Keine Zigaretten mehr! Die Klimaanlage seines Megamaster war ausgefallen und er schwitzte. Jetzt, Anfang April saß er schwitzend in seinem Trekker und zog eine Staubwolke hinter sich her. Es kotzte ihn an. Wenn das jetzt das dritte Jahr Dürre wird kotzt es ihn an. Nein es kostet zu viel. Und wie soll er auch Erträge produzieren, wenn er nicht mehr düngen darf. Er düngte einfach. Soll ihn doch erst mal einer hinhängen. Irgendeiner von den Scheissberlinern die hier überall und nirgends die kleinen Häuschen kauften und dann am Wochenende zum Saufen raus fuhren. Diese Scheiß Ökos. Wasser predigen und Champagner saufen. Nein, heute fuhr er mit der Düse sein Weizenfeld ab und spritzte Unkrautvernichter. Wenn er an den Wochenendhäusern der Berliner vorbei fuhr zog er die Düsen etwas höher, dann nebelte es mehr. Sollen sie es alles in ihren Scheiß Garten kriegen. Auf ihre Scheiß Liegestühle und Sonnenschirme, in ihre Sandkästen und in ihre feinen Fahrräder. Der Trekker rumpelte schwer durch die Ackerfurchen und mit einem Mal sprang die Tür auf und schlug mit einem schweren Krach wieder zurück. Es kotzte ihn an. Dieser Scheiß Trekker wird auch nicht mehr lang halten. B spuckte einfach in den Fußraum, auf die verschlammten Pedale. Plötzlich krachte ihm ein Dunkles auf die Frontscheibe und verschwand. B gab verbissen Gas. Was kann das gewesen sein? Vielleicht ne Krähe, die sind manchmal ganz schöne Brummer. Da entdeckte er die Blutspur im staubigen Dreck vor seiner Nase. Das muss er doch mal anschauen. Hustend stoppte er die Nebelmaschine und stieg aus.
Als er zurück kam und gerade den Fuß auf den schlammig verkrusteten Tritt der Fahrerkabine hob starb mit einem lauten Spotz der Diesel. Aus! B verharrte und starrte seinen dreckigen Schuh an. Zur Hölle! schrie eine Stimme in ihm. Was ist das? Und langsam, wie sich der Staub auf einem vertrockneten Acker legt, wurde ihm klar: er hatte vergessen zu tanken. Es war einzig sein Fehler gewesen. Und er hatte das Kitz fast totgefahren, aber es lebte noch. Er war hin gegangen, hatte gesehen dass das Kitz blutete, und er war einfach umgekehrt und zum Trekker. Als wäre das nichts. Er hätte das verletzte Kitz einfach eines qualvollen Todes sterben lassen. Vergessen zu tanken und Kitz totgefahren. B richtete sich auf. Es dauerte eine Weile, er war so voller Hass und Wut. Er musste etwas umhauen. Am Liebsten sich selbst. Er haute seine Faust in den Gummi des riesigen Trekkerreifens und es tat entsprechend weh. Aber es ergab keinen Sinn. Zigaretten waren auch alle. Es kotzte ihn an. Es kotzte ihn derartig an. Er ging wieder zum Kitz. Es schaute zu ihm auf, mit ganz ängstlichen Augen. Er wird sowieso laufen müssen. Hat nicht mal nen Kanister dabei. Er kann es nicht tot machen. Nein, das ist verrückt. Es hatte ihn angekuckt und jetzt ging es nicht mehr. Er nahm also das kleine Kitz in den Arm und stapfte los.
Im Dorf traf er niemanden, was ein Glück. Alle auf Arbeit oder drin, vor der Glotze oder so. Nur eine Frau hackte im Garten. Er ging zum Gutshof, da gab es eine Tierarztpraxis. Der Jäger hätte ihn ausgelacht, weil er nicht in der Lage war dem Kitz den Hals umzudrehen.
‚Ein Mädchen’ – sagte die junge Tierärztin. Er hatte sie noch nie hier gesehen. Sie hatte braune Locken zu einem Pferdschwanz gebunden. ‚Na, mal sehen. Vielleicht können wir sie noch retten?’ – ‚Was?’ fragte er nach einer kleinen Weile. ‚Retten? Damit später irgendeiner sie abknallt?’
‚Nein. Schaun sie mal, ein Mädchen bekommt doch wieder Kinder. Die Böcke werden geschossen. Schaun sie mal, die Verletzung ist nicht so arg. Sie ist einfach unter Schock liegen geblieben. Hier, am Beinchen das nähe ich und hier, am Kopf, da machen wir Salbe drauf.’
‚Dann hätte die überlebt oder was? Auch ohne mich?’
‚Also das glaube ich nicht. Das ist ein kleines Kitz. Sie kann der Herde nicht folgen. Sie müssen sie füttern. Mit der Flasche. Ich zeige ihnen wie es geht. Werden sie das machen?’
B stellte die Milchflasche neben sich auf den gekachelten Couchtisch und griff mit derselben Hand zur Bierflasche. Gierig saugte er die Flasche leer. Er hatte sich schon zwei Bier genehmigt und zum Glück zeigte es Wirkung. Alle zwei Stunden sollte er dem kleinen Reh die Flasche geben. Wie sollte er das machen? Der Trekker stand noch immer mit leerem Tank in der Ackerfurche. Wie sollte er das seinem Chef erklären? Noch hatte er Milch von der Tierärztin. Aber er soll Ziegenmilch besorgen. Die kann er nicht im Konsum besorgen. Es wäre zu auffällig. Die Frau an der Kasse würde sich sofort fragen, warum er Ziegenmilch braucht. Und wenn sie ihn dann fragt, was soll er da sagen? Er hatte einfach Ja gesagt, nachdem die Tierärztin ihre letzte Frage gestellt hatte. Ja. Er wird es machen. Alle zwei Stunden. Morgen, sagte sie, würde sie ihn besuchen und nach dem Reh sehen, damit er nicht in die Praxis kommen muss. Aber er muss auch auf den Trekker. Er muss erst mal an die Tanke. Da kann er dann auch Ziegenmilch kaufen. Nee, nich an der Tanke, bei Didl haben die doch auch so Zeug. B stellte den Wecker und holte noch ein Bier. Das Kitz schlief neben ihm auf dem Sofa, es war ganz ruhig. Das Gebrabbel aus dem Fernseher schien ihm zu gefallen. Vielleicht sollte er sich einfach krank melden. Derzeit sind doch alle krank.
Als er erwachte war es draußen sternklar und dunkel und neben ihm standen sechs Flaschen Bier, leer getrunken und eine Milchflasche mit einem winzigen Rest. Sicheres Zeichen, dass er jetzt wirklich Stress hatte. Das Kleine schnaufelte ein bisschen und als er ihm den Finger ins Maul legte fing es sofort an zu saugen. B jagte in die Küche. Er roch den Schweiß an sich, mieser Geruch, durchtränkt von Zigarettenteer. Der Fernseher quäkte irgendwas. B stellte das Wasserbad an um die zweite Flasche zu wärmen. Schnell zurück zum Kleinen. Es nuckelte ganz vertrauensvoll an der fast leeren Flasche. B hatte Herzklopfen. So ein hübsches kleines Mädchen. Es hatte wirklich diese weißen Punkte auf dem Fell, wie das Bambi. Das Kleine muss einen Namen haben. Aber Bambi ist doof. Vielleicht Bella. Bella Bambi. Bella schlief schon wieder als er mit der zweiten Flasche aus der Küche kam. Aber bald schon hat sie wieder Hunger. Meine Bella! murmelte B zufrieden. Er könnte ja jetzt auch mal ne Runde pennen. Wecker stellen nicht vergessen! – hatte die hübsche Tierärztin gesagt. Die kannte er gar nicht. Wo sie wohl herkam? Wo sie wohl wohnte?
Am nächsten Morgen rief er in der Firma an, gab den Standort des Trekkers durch und meldete sich krank. Als er in die Küche kam war Bella vom Sofa heruntergehopst und stand auf wackligen langen Beinchen. Sie machte ein kleines Häufchen auf den Teppich und auf seiner guten Wolldecke war auch ein verräterischer Fleck. So ein Scheiß! grollte B. Doch Bella machte drei Wackelschritte auf ihn zu und kuckte. Du hast mich voll im Griff grummelte er freundlich und streichelte ihren Kopf. Bella ließ sich streicheln wie eine Katze. Nicht zu fassen dachte B. Ein scheues Reh. Er gab ihr wieder Fläschchen. Du bist verletzt! Du brauchst Ruhe! bestimmte er und Bella legte ihr Köpfchen artig zwischen die Vorderläufe. Dann fuhr er in die Stadt.
Er besorgte sich ein Attest und ging dann direkt in den Bioladen, denn die hatten die richtige Milch ganz sicher. Hatte die Tierärztin auch gesagt. Wie es darin roch. So etwas hatte er noch nie gerochen. Eine Mischung aus Brühwürfel, Käse und verkochtem Essen. Das soll gesund sein? Unsicher ging er die Regale durch. Es gab alles wie bei Didl, nur in richtig Bio. Wer das isst wird alt. Oder so.
Suchen sie was? – B erschrak. Vor ihm stand eine etwas alte Frau. Sie roch nach Seife und Zigaretten. Das freute ihn irgendwie. Rauchen tun die Ökos also auch. Wahrscheinlich heimlich. Er kaufte noch sechs Flaschen Ökobier, eine Packung Ökokekse, zwei Ökobratwürste, eine Ökosalami und ein Ökobrot und zwei Stück Ökokuchen. Und weil er gerade dabei war auch Ökozigaretten, die aber an der Tanke, wo er auch den Kanister füllte. Er wollte den Trekker zumindest heimlich auftanken. Dass er den Diesel leer gefahren hatte war ihm doch zu peinlich. Jetzt schnell nach Hause. Bella wartete wach auf dem Sofa. Sie nuckelte die schnell erwärmte Ziegenmilch als wäre er schon seit Wochen ihre Mutter. B strahlte. Er räumte die leeren Bierflaschen weg, wischte den Tisch und machte in der Küche Klar Schiff. Er warf die Dieselversaute Klamotte in die Waschmaschine und duschte, nachdem er schnell noch mal die Kleine gefüttert hat. Bald schon würde die Tierärztin kommen. B kochte Kaffee. Ein Frühstück wäre ihm jetzt auch recht. Doch die Klingel riss ihn aus seinen Gedanken und er lief zur Tür. Es war sein Kumpel K von der Feuerwehr.
‚Brauchst Du was? Du hast Dich krank gemeldet?’
‚Achso. Nee. Geht schon.’ – stammelte B.
‚Was fehlt dir denn?’ hakte K in B’s Verworrenheit nach.
‚Nix. Äh. Flotter Otto! Ick hab nen flotten Otto. Irgendein Virus!’ – erklärte B. ‚Ick komm vom Pott nicht mehr runter!’ ergänzte er erleichtert.
‚Achso. Na denn. Meld Dich wenn de was brauchst! Kaffee haste ja noch!’
‚Ja. Danke. Ick muss schon wieda flitzn.’ – legte B nach und K grüsste verständnisvoll und verschwand. B hatte Herzklopfen, als er die Tür hinter ihm schloss. Das hätte jetzt schief gehen können. Das geht nich mit Bella. Die muss weg. Wenn der die jetzt gesehen hätte. Nich nur die Krankmeldung. Nee, also die Kumpels von der Feuerwehr, die hätten sich totgelacht.
Er packte Bella und schaffte sie in sein Schlafzimmer. Dort legte er sie ins Bett wo sie ihn mit Kulleraugen ansah und so süß war, als es schon wieder klingelte. Er ließ sich Zeit. Wenn das jetzt sein Chef war, oder noch mal K. Er setzte eine Leidenmiene auf, als er die Tür öffnete, doch es war: die Tierärztin!
Mit selbstverständlichem Wippen ihres Pferdeschwanzes ging sie in sein Schlafzimmer und untersuchte dort Klein Bella. Die ganz brav war. Und lobte sehr B und seinen Einsatz, doch er brachte kein Wort raus. Dann zog sie eine Art medizinische Unterlage aus ihrer Tasche und reichte sie ihm mit den Worten: ‚Die Kleine denkt ja, sie wäre noch im Wald. Da macht es nix wenn man Pipi macht. Sprich: sie ist nicht stubenrein!’ – ‚Ach so!’ räusperte er sich erleichtert. ‚Na das ist ja nicht so schlimm.’
‚Das können sie drunter legen, dann ist es nicht schlimm.’
‚Ach so. Gut. Normal habe ich sie auf dem Sofa drüben. Aber vorhin war mein Kumpel da. Jetzt nehme ich sie wieder mit rüber. Wollen sie einen Kaffee?’
‚Einen Kaffee?’
‚Ja. Kuchen habe ich auch.’
‚Ja, aber nur kurz.’
‚Natürlich. Nur kurz. Ist schon fertig.’ – lächelte B glücklich, nahm Bella in den Arm und gemeinsam gingen sie ins Wohnzimmer.