1. Fünf.

Chester blickte in den Sonnenuntergang. Ein Bild vor ihm wie aus dem Reisekatalog. Erleben Sie das Frühjahr in Ohio. In der Ferne drehte ein Windrad sich träge vor dem Himmelsfeuer und der frisch aufgeschossene Winterweizen setzte die leicht ansteigende Landschaft fast schwarz davor ab. Ein paar Krähen flogen auf. Dahinter Hügelketten. Er hatte auf der Veranda gesessen und noch eine geraucht, seinen Tee getrunken, jetzt muss er wieder rein. Er stellte die Tasse auf die Arbeitsplatte der nicht mehr ganz modernen Küche. Irgendwer wird sie schon wegräumen. Ernst ging er durch die Hintertür ins Stallgebäude, wo ihn die Milchkühe anglotzten und vor sich hin stanken. Scheißleben! Fressen, scheißen, Milch abpumpen. Aber es war ja nicht seine Entscheidung. Er trank ohnehin Sojamilch. Seitlich heraus aus dem Gestank, der ihm augenblicklich anhaftete. Na, den Weg würde er nicht mehr wählen. Im Futtersilo Nummer Drei nahm er die Treppe hinunter in den Bunker, wie er und seine Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz nannten. Im Hinabsteigen verglich er die Zeit auf seiner Nomos mit der des Funktelefons. Die Zeit differierte, aber es würde keinen Unterschied machen. Es waren nur wenige Sekunden. Eine gute Tarnung, dachte er und registrierte den Stallgeruch an seiner Kleidung während er auf das Öffnen der Automatiktür wartete, nachdem er seine Fingerkuppe in den Sensor gelegt hatte. Er gab seinem Gang einen anderen Schwung. Er baute sich innerlich auf. Er würde jetzt eine Ansprache halten müssen und noch einmal seine Leute motivieren. Die hatten sich schon um den Konferenztisch versammelt und ihre Schreibtische in den gläsernen Separées verlassen. Warmweisses Kunstlicht. Sie schauten ihn an, erwartungsvoll, kritisch. Amy, seine Assistentin, Curd, der Hacker, Rosalie, die Filmexpertin, Nancy, zuständig für Recherche, Katharina, die Programmiererin und Justine, ihre Assistentin. Dann war da noch Snitch, der zuständig war für Animationen und Snatch, sein Partner, zuständig für Audioschnitt. Barbara, zuständig für Catering und alles andere war für die Besprechung nicht zugelassen. Chester begrüßte die Runde und begann.

„Danke, Leute! Um es gleich vorweg zu nehmen: wir müssen noch eine Weile durchhalten!“

„Oh Gott!“ – seufzte Justine.

„Ja. Ich hatte gerade das Telefonat mit dem Vice President. Der Senat hat in geheimer Sitzung eindeutig beschlossen, dass es nicht unmittelbar geschehen darf. Aber er hat auch beschlossen, dass jetzt, nach vierzig Tagen keine Chance mehr besteht und die Geräte ausgeschaltet werden.“

Sein Team sank in den Sesseln zurück. Rosalie begann zu klatschen. Andere fielen leise ein.

„Aber wir müssen ihn noch sieben Tage am Leben erhalten. So viel Zeit benötigen sie, um nicht das völlige Chaos zu schaffen.“

„Das verstehe ich nicht!“ sagte Rosalie. „Alle Welt wartet doch darauf, dass er endlich weg ist!“

„Das ist Wahnsinn. Das können die nicht wirklich wollen!“ fiel Snatch ein. „Der Typ hat unser Land ruiniert. Wir haben doch schon das völlige Chaos da draußen. Und wir sollen einen Toten am Leben erhalten?“

„Ja aber nicht alle denken so wie du.“ warf Curd ein. „Es gibt auch viele die gerade jetzt auf ihn setzen. Jetzt vielleicht noch mehr, nachdem wir ihn bearbeitet haben.“

„Ja!“ versetzte Rosalie. „Ich fürchte fast wir haben ihn so gut bearbeitet, dass er erst recht noch immer populär ist. Als starker Führer, als einer der weiß was er tut.“

„Das ist Quatsch. Sein Naturell ist denkbar einfach, seine Reaktionen laufen doch ohnehin wie programmiert. Warum glaubt ihr haben wir keinen ausgewiesenen Psychologen rekrutiert, sondern uns auf das verlassen was wir Kreativen easy entstehen lassen können, vierzig Tage lang.“

„Aber mir gehen jetzt trotzdem die Ideen aus. Ihn als Maskenverweigerer zu behaupten, das ist wirklich nicht schwer. Erinnert ihr Euch? Der Besuch bei Honigquell war wirklich leicht zu behaupten.“ – überlegte Snitch.

„Ja, klar,“ meldete sich Katharina. „Er glaubt wirklich er sei unsterblich. Schon crazy oder. In Europa feiern sie gerade das Ende des zweiten Weltkrieges. Wenn Du diese führenden Nazis anschaust: die dachten allesamt sie seien unsterblich. Ich glaube Goebbels hat wirklich an seinen Text geglaubt, als er schrie: Wollt ihr den totalen Krieg! Ihm war nicht klar, dass er sterben würde bis er ins Zyankali biss.“

„Naja, er musste sich vielleicht selbst faken. Wer glaubt denn immer das was er sagt?“ – brummelte Snatch.

„Also warum sollen wir ihn noch sieben Tage am Leben erhalten, Chester, wenn er doch endlich tot ist. Stirbt er gerade?“ – fragte Nancy.

Chester sah auf die Uhr. „In drei Minuten. Bitte fragt nicht warum. Es ist der oberste politische Wille. Und es kommt noch etwas hinzu. Es wird schwierig. Wir müssen noch besser arbeiten als sonst. Es geht nicht darum, eine große Menge an Bildern zu produzieren, sondern welche die sehr markant zeigen, dass er siecht.“

„Aber wie soll das denn gehen bitteschön?“ – Nancy schaute entsetzt.

„Erinnert Euch an die Bilder von Boris Johnson. Die waren ja echt. Er sprach zunächst noch aus der häuslichen Quarantäne.“

„Meine Schwester in Manchester hatte auch gehofft!“ – versetzte Justine.

„Ja, manche haben gehofft.“ – winkte Chester ab.

„Wir brauchen einen Schauspieler.“ sagte Snitch. „Ich kann ein Krankenhausbett simulieren, schön, mit Sonnenlicht, Krankenschwester, Schutzkleidung, big tits, alles mit Maske, schönes Frühstück, Beatmung. Aber den Typ im Bett, den brauche ich real. Dem kann ich dann noch die Visage überziehen.“

„Wieso aber nimmt man dann nicht einfach die realen Bilder?“- fragte Rosalie.

„Erstens wurde er so nicht gefilmt oder fotografiert und zweitens wollen die das auch nicht. Sie wollen, dass wir ihn bei seinem öffentlichen Auftritt immer hinfälliger werden lassen. Nach sieben Tagen kommt er dann auf die Intensivstation. In vierzehn Tagen ist dann Exit. Die Politik hat vierzehn Tage gewonnen um sich auf den Börsencrash, auf den Tumult und die Ausschreitungen der rechten Szene und alles andere Chaos vorzubereiten.“ erklärte Chester.

„Quatsch. Alle werden ein riesiges Fest feiern. Alle werden sich pink Pussys vor die Nase binden und seinen Abgang feiern.“ rief Rosalie.

„Ich kann seine Visage auch nicht mehr sehen.“ – brummelte Snatch.

„Ich könnte mich in die Überwachungskamera des Krankenhauses hacken.“ – bemerkte Curd.

„Aber er ist dann da ja nicht mehr. Im Kühlraum werden sie wohl kaum Kameras haben.“ – überlegte Justine.

„Ich kann auch die Bilder der Vergangenheit nehmen.“ – antwortete Curd.

„Hallo. Bitte lese es mir von den Lippen. Keiner will den Präsidenten in seinem Todeskampf auf dem Krankenbett sehen. Nicht einmal seine Frau! Es sollen Bilder werden, denen anzusehen ist, dass er krank ist. Aber sich noch wacker hält.“ – langsam ärgerlich ist: Chester.

„Aber dazu muss man sich nicht anstrengen. Er sieht doch immer beschissen aus. Indes: wir haben einfach keine Bilder mehr und mir fällt nichts mehr ein.“ – wieder Snitch.

„Wir müssen noch einmal nachdenken. Wir können ihn in seinen letzten Tagen doch auch ganz milde werden lassen.“ lenkte Katharina ein. „Vielleicht ist es auch gut für die Demokratie wenn man sieht dass ein empathieunfähiger Narzisst am Ende milde und sanft und vor allem sozial fürsorglich wird. Was wenn wir ihn zum Beispiel das Essen an einer Suppenküche ausgeben lassen?“

„Oder ihn in einem Viertel für Farbige den Menschen Mut zusprechen lassen?“- kam schüchtern von Justine.

„Leute!“ Chesters Miene hellte sich auf. „Das gefällt mir so gut. Wir produzieren die absoluten Fake News. Wir lassen ihn an einer Lebensmittel-Verteilstelle arbeiten.“

„Aber dann wird er zum Märtyrer. Er steckt sich dann bei den armen Leuten an und stirbt. Tod eines Märtyrers.“ – konterte Amy.

„Oder er steckt alle an. Vielleicht war es ohnehin er und jetzt ist er längst immun. An was stirbt er denn eigentlich, ganz nebenbei gefragt?“ – fragte Snatch.

„Ja, ihr habt recht. Er wird bestimmt nicht gut, kurz vor seinem Tod. Woran er stirbt? Vielleicht am Hass?“ – sinnierte Chester.

„Schon merkwürdig, dass man daran viel weniger stirbt. Wenn es um sie selbst geht sterben die Menschen eher an der Liebe.“ – deklamierte Nancy.

„Schau mal auf die Uhr, Chester!“ – rief Amy. „Ist er jetzt tot?“

„Die drei Minuten sind jetzt: vorbei.“ – antwortete Chester tonlos.

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