1. Sechs. (Abschied von Moria)

Alexios kann seinen Fang mit einer Hand abzählen. Vier Sardinen und eine Makrele, mehr gibt sein Netz nicht her an diesem Morgen. Doch er lebt ja ohnehin nicht mehr davon. Aus Gewohnheit lässt er sich dann noch eine Weile von seinem Boot schaukeln und sucht mit dem Blick den Horizont ab. Dabei kneift er wie immer die Augen etwas zusammen. Davon bekommt das Bild etwas mehr Schärfe, findet er. Er sieht die blauschwarzen Schemen der türkischen Berge im Hintergrund und verschleiert von dunstiger Morgenluft das bleiglatte Meer im Vordergrund. Er sieht ein blau-weiss-oranges Fischerboot, eine Meile querab. Eigentlich ein perfekter Tag um die Überfahrt zu wagen. Aber es kommt keiner mehr. Alexios schüttelt kaum merklich den Kopf, steckt eine Zigarette in den Mund und diese an. Dann reißt er am Seilstarter des Außenborders und fährt Richtung Strand.

Wie oft hatte er sich damals bei dem Gedanken ertappt, dass es ein paradiesischer Zustand sein müsste, wenn einfach keine Seelenverkäufer oder billige Schlauchboote am Horizont mehr auftauchen würden und er nicht mehr mit rasendem Herzen, Adrenalin pur, den Außenborder würde starten müssen. Er immer alleine und manchmal bis zu dreißig, ja vierzig Seelen auf einem wackeligen Floß. Ja, natürlich ist Alexios erleichtert. Es ist vorbei damit. Vielleicht wirklich endgültig vorbei. Vorbei ist die ständige Aufregung, welche die fremden Menschen ohne Gepäck mit sich trugen. Vorbei der Müll, die Sirenen, der Geruch, sogar die Polizei ist abgezogen und das Lager, welches sie nach dem Großbrand in aller Eile und mit einigen Millionen EU Hilfe errichtet hatten ist nun eine Bauruine. Er hatte es sich einmal angeschaut. Was die da vorgehabt haben wäre ein krasses Internierungslager geworden. Beton und Natodraht. Völlig deplatziert angesichts der Weichware Mensch die da hinein gekommen wäre. Spindeldürre Jungs und verängstigte Frauen. Oft machoartig die Männer, aber beim zweiten Hinsehen waren den meisten von ihnen zerschmetterte Existenzen. Eine schreckliche und vor allem lange Zeit. Noch immer kommt es ihm wie ein Wunder vor, dass sich die europäischen Länder dann doch gegen ein paar rechtsnational geführte Staaten hatten durchsetzen können und einen geradezu fantastischen Plan umgesetzt haben. Alexios Boot hat jetzt das Land erreicht und er schleift es auf den Sand. Sigrid, seine deutsche Frau, wird aus dem kleinen Fang und etwas Gemüse aus dem Garten schon etwas Nettes daraus zubereiten.

Sie hatten Kreuzfahrtschiffe geschickt. Aus Frankreich war die Marie-Antoinette gekommen. Aus Skandinavien die Peer Gynt. Aus Belgien und den Niederlanden die Antwerpen und aus dem Baltikum die Riga. Aus Deutschland kam die Hamburg. Es vergingen gerade mal zehn Tage und alle Lager waren geräumt. Die Inselbewohner waren völlig aus der Fassung geraten deswegen. Manche vor Freude. Manche vor Verzweiflung. Völlig unvorbereitet hatten sie die Existenzgrundlage verloren. Niemand hatte sich darüber Gedanken gemacht, wie viele Einheimische von den Mesopotamiern gelebt hatten. Allein schon die Lebensmittelhändler und Zulieferer. Die Frachter welche benötigt worden waren um den Discounter am Fuß des Lagers Karatepe zu versorgen. Die Imbissbuden und Taxifahrer. Aber auch die chinesischen Händler mit ihren Euroshops. Hotels und Restaurants hatten ganzjährig Saison zu verzeichnen gehabt, zumindest in der Hauptstadt, da ständig Freiwillige und Presse angereist kamen. Alexios kann sich noch gut erinnern wie er zuletzt seine Freundin Monique von ‚Ärzte ohne Grenzen’ zum Flughafen begleitet hatte. Andy von der Anarcho Küche und Isabel vom Borderless Kindergarten nahmen nach einer Wartezeit von einem Monat die Fähre. Mindestens zweihundert Ehrenamtliche und Mitarbeiter von internationalen NGO’s hatten die Insel bereits verlassen. Gedankenlos zieht er einen orangen Stoffetzen unter einem Stein hervor und fördert eine zerfledderte Schwimmweste zu Tage. Upcycling Taschen aus orangefarbenen Schwimmwesten kann man heutzutage teuer verkaufen. Denn es kommen keine Menschen mehr in sinkenden Schiffen. Sie nehmen direkte und sichere Wege nach Europa, denn dort werden sie gebraucht.

Einmal hatten sie einen Jungen bei sich versteckt. Sigrid hatte die Szene beobachtet. Es war bereits im neuen Lager, Moria war da schon abgebrannt. Da warteten viele Menschen geduldig in einer Schlange vor der Essensausgabe. Doch ein Junge verlor die Nerven. Er war vermutlich dehydriert und er schrie vor Hunger und Durst. Die Disziplinarpolizei schlug ihn nieder und er wurde mit Kabelbinder gefesselt in einen Wagen geworfen. Sigrid, geistesgegenwärtig, schnappte sich ein Rad und folgte. Es war nicht eben einfach. Aber die Straße war oft von den Polizeistreifen selbst blockiert und sie holte den Wagen immer wieder ein. Sie konnte beobachten wie der Junge heraus gerissen wurde, dann zu Boden getreten und in die Wache gezerrt. Sie konnte nichts machen, aber zusehen. Und sie folgte. Der Junge lebte noch als er hinter einer Tür verschwand. Sie stellte sich vor diese Tür. Jetzt konnte sie noch zuhören.

Sie kam an diesem Abend nicht nach Hause. Keiner wusste wo sie war. Es braucht noch immer wenig um den Horror dieser Nacht in Alexios zu triggern. Er hatte alle Nummern durchtelefoniert, niemand wusste etwas, lediglich dass sie der Polizei gefolgt war. Und er wusste: Frauen die für westliche NGO’s arbeiteten wurden von den Bullen genauso geschlagen wie Männer. Sie machten keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern. Und Sigrid ist eine alte Frau, genau wie er ein alter Mann ist. Sie hatten damals erst kurz zuvor geheiratet, obwohl sie sich noch gar nicht lange gekannt hatten. Sie wussten beide genug vom Leben um diesen letzten Frühling mit vollen Herzen und Händen zu empfangen. Die Möglichkeit Sigrid zu verlieren brachte Alexios ins Schwitzen. Die Vorstellung sie würde von den Ork-artigen Bullen geschlagen versetzte seinem Herz einen schmerzhaften Stich und vor Sorge begann es zu rasen.

Und dann kam sie in der Nacht mit dem klappernden Taxi von Giorgos und einem dünnen Bündel Mensch, den sie auf der Küchencouch erstmal an den Tropf hängte. Als Krankenschwester hatte sie sich Kochsalzlösung und das Infusionsbesteck bei MSF erbetteln können. Und dann berichtete sie. Sie hatte die Schläge hinter der Tür gehört, die Schreie, den erstickten Schmerz. Sie hatte hinter der Tür die Lust gespürt, die Lust am Quälen, die Lust daran sich groß zu fühlen, die Übermacht zu fühlen, und immer wieder an der Todesangst des Jungen zu zündeln. Sie hatte gespürt wie das Folteropfer immer stiller wurde, und weniger wimmerte und bettelte, sondern nur noch ertrug und schließlich ganz still wurde. Dann hörte sie Stühle auf dem Boden schrammen und die Polizisten sich räuspern. Es wurde ihnen klar was sie getan hatten. Sie hatten dieses junge unschuldige Leben zu Tode gequält. Die Tür flog auf und sie fanden Sigrid davor, lauschend. Doch sie ging einfach vorbei und hinein, sie fühlte den Puls. Und er lebte.

Heute lebt Sami in Paris, der Stadt seiner Träume. Er hat an der Sorbonne studiert und absolviert gerade die Zeit des Arztes im Praktikum. Sein Fachgebiet sollte Unfallchirurgie werden. Er hatte sein schweres Trauma der Flucht, Vertreibung und Folterung durch zahllose Therapiesitzungen beinahe bewältigt. Und nur weil er es getan hat, kann er jetzt diesen Lebensweg einschlagen. Sami mit den geschickten Händen. Doch wie viel einfacher hätte er es gehabt, wenn man sich schon früher entschieden hätte die Überfahrt der Flüchtlinge zu gestatten und sicher zu machen. Den Prozess ihrer Asylanträge auf die europäischen Länder verteilte hätte, so wie es jetzt der Fall ist. Es geht weil die Menschen real gebraucht werden und die europäische Politik das erkannt hatte. Das ist, trotzdem es für jeden einzelnen eine ungeheure Erleichterung ist, eine wirklich bittere Pille. Man hat nicht aus Barmherzigkeit agiert, sondern wirtschaftliche Interessen verfolgt. Man braucht sie am meisten jetzt, die Krankenpfleger, und Krankenschwestern, die Ärzte und Ärztinnen, die Altenpfleger und Altenpflegerinnen. Das hat man in der Pandemie gelernt. Aber man hätte auch aus Barmherzigkeit entscheiden können. Ja, irgendwie kotzte es ihn an. Erst als man merkte: man kann die doch brauchen, als eine Art Humankapital, erst da war Bewegung in den Köpfen der Entscheider entstanden.

Barmherzigkeit, völlig aus dem Sprachgebrauch verschwundenes Wort. Barmherzigkeit als ein Derivat der Liebe. Der Liebe zu allem was lebt und Hilfe benötigt. Barmherzigkeit als eine Art menschlicher Rückfluss für das Geschenk der eigenen Gesundheit, oder des eigenen Wohllebens. Warum ist das kein Wert mehr? Wie hatte das in Vergessenheit geraten können? Hatte man es vergessen weil stets Überfluss herrschte? Verdrängt um nicht an den möglichen Mangel zu denken, der wie ein dunkel mahnender Zeigefinger darauf verwies, dass das ewige Füllhorn versiegen könnte, oder noch viel schlimmer: eigentlich alles ausschüttete, nur Liebe nicht. Die zerlumpte Armut nervte. Wenn man die Zeitung aufschlug und in die ausgemergelten leidenden Gesichter sah schmeckte einem der Latte nicht mehr. Man wollte die Leute nicht ansehen, weder in der Zeitung, noch in der Realität. Sie sollten irgendwo verrecken, egal wo. Doch sie verreckten nicht. Und dann entdeckte man, dass man sie brauchen kann. Jetzt können sie kommen. Na, wenigstens sind sie jetzt kein Problem mehr.