1. Vier. (Der Aufstand der Haare)

Jetzt schneiden die wieder Haare. – sagte Fozzy in gespielt angewiderter Weise.

Ja, die Friseure arbeiten wieder! – kommentierte Ben sachlich.

Und dann ist wieder alles normal. Also danach. – ergänzte Bärbel.

Nur bei uns nicht. – Fozzy

Glaube ich nicht. Es wird ne absolute Wende geben. Glaub mir! – sagte Sarkasmus.

Wohin denn? Absolute Wende. So’n Scheiss – lamentierte Ingo.

Ich sag’s dir. Es wird den Aufstand der Haare geben. Freiheit statt Friseur. – beharrte Sarkasmus.

Du bist doch irr. – rief Bärbel.

Stand auf einem Schild. Neulich bei der Demo. Voll gaga, das Schild.

In Amerika ist es jetzt schon soweit. Mir kommt es vor wie vor über fuffzich Jahre.

Wie alt biste denn, Fozzy, so alt schon?

Älter, Bärbel, viel älter. Ihr seid doch ein junges Gemüse. Aber ich hab mich gut gehalten, auch auf der Strasse noch. Früher, da, früher, da war ich sehr begehrt. Ich war Student, damals.

Wat denn? Herr Student? – fragte Ingo.

Nein, das war anders. Wir waren alle links, verstehste? SDS. Und wir hatten lange Haare.

Und was ist das jetzt was Du auf dem Kopf hast? Ne Matte! Hähä! – rief Bärbel dazwischen und nippte an ihrem Bier. Sie saßen alle im Schatten der langen Mauer am Bahnhof Zoo und waren vom hohen Gras verborgen. Es war Sommer. Es war eine schöne Zeit. Da sie sich nie an die Abstandsregeln hielten, war es besser im hohen Gras zu sitzen, im Schatten der Mauer.

Erzähl uns Fozz. – bat Ben. Ben war höchstens Siebzehn. Was wusste er denn schon von damals? Fozzy seufzte.

Ben, icke war vielleicht schon ein bisschen älter damals als du heute. Ich hatte gerade das Studium begonnen, da geschah was so Krasses in Berlin, danach war unser Leben total verändert. Und der Tod des Schwarzen in Amerika erinnert mich daran. In Deutschland hieß der Ermordete Benno Ohnesorg. Benno wurde ganz gezielt erschossen. Das kann man bei Wikipedia nachlesen!

Er liest Wikipedia. Ick globe ick spinne! – rief Ingo dazwischen.

Dir glob ick ooch, dette spinnst – kommentierte Sarkasmus und bat: Erzähl weiter Fozzy. Den Namen habe ich schon mal gehört.

Benno Ohnesorg war ein friedlicher Demonstrant. Es war womöglich seine erste Demo. Am zweiten Juni Siebenunsechzich verprügelte ihn eine Gruppe Bullen und er wurde mit Kopfschuss hingerichtet. Der Mörder, ein gewisser Kurras war sogar für die Stasi tätig. Das fand man lang nach der Wende heraus. Und ehrlich, Freunde, das war ganz klar inszeniert. Danach war das Vertrauen in die Demokratie und den Rechtsstaat zerstört. Man –

Du sprichst wie gedruckt! – bewunderte Ben dazwischen.

Ja. Ich habe das mal beruflich gemacht. Aber das ist noch mal was anderes. Jetzt bin ich Fozzy, der Clochard. Aber weiter. Man kann sagen, dass sich danach etliche Menschen radikalisierten und dieser Mord wie der Auslöser war, auf den auch alle die das wollten gewartet hatten. Natürlich nicht, dass ein Mensch stirbt. Aber es wiederholt sich ja doch ständig in der Geschichte. Am Ende führte die Ermordung Ohnesorgs zur RAF. Wenn ihr wisst was ich meine.

Aber der Amerikaner? George Flint hieß der, oder? – fragte Bärbel aufmerksam.

George Floyd. Nein, er wurde aus meiner Sicht nicht so gezielt ermordet. Ein Kopfschuss aus nächster Nähe ist schon deutlicher. – dachte Fozzy laut nach.

Nachtigall ick hör Dir trapsen, wie der Berliner sagt. – unterbrach Sarkasmus launig. Doch Fozzy sprach unbeirrt weiter.

Ich glaube aber auch nicht an ein Versehen. Der amerikanische Polizist war aus meiner Sicht in einer Art Rausch. Ich glaube, es gefiel ihm sein Opfer durch seine Körperkraft immer schwächer werden zu lassen. Ich glaube, er hat nicht gezielt gemordet, oder sogar mit Auftrag. Nein, ich glaube, er ist ein geborener Mörder, nur wusste er es nicht. Ich glaube, er konnte sein Opfer nicht von sich selbst erlösen. Er wollte erleben wie der andere unter seinem Druck zerbrach. Er war in einem Mordrausch.

Wie krass. Aber das kennen wir ja auch. – seufzte Sarkasmus.

Ja, wir sind ja auch so Opfer irgendwie. Wenn einer von uns abkratzt ist das nicht so schlimm. Vielleicht denken die, dass es auch gut ist. Weißt schon, die anderen. – sinnierte Bärbel. – Aber weeste, Fozzy, wie verrückt es doch ist. Jetzt ist das ja auch gerade erst passiert, mit George Flint.

Floyd. – korrigierte Sarkasmus.

Fast zeitgleich. Sieben Tage Zeitunterschied. Und es löst auch eine Welle aus die noch unabsehbar ist. Da gebe ich Sarkasmus recht. Aber – unterbrach sich Fozzy selbst und fasste Bärbel streng ins Auge – diese Opferhaltung wie Du sie ansprichst, die geht aus meiner Sicht nicht. Unser Leben kannst Du doch keinesfalls mit so einem grausamen, sinnlosen Tod vergleichen, wie ihn George Floyd erfahren hat. Bärbel, das geht absolut nicht! Und dieser weinerliche Ton, das geht mir mehr als auf den Geist. Bitte denk nach bevor du sprichst. Die schwarzen Amerikaner werden seit Jahrhunderten als Menschen zweiter Klasse behandelt. Und wenn mal schnell einer Hops geht wird es vertuscht. Wenn du eine schwarze Haut bist, hast du nirgends die Wahl. Wir Weißen schon! Verstehst Du was ich sagen will?

Ja! Aber du sprichst wie Gott höchstpersönlich. – meckerte Ingo. Ich kann Deine Überheblichkeit echt nicht ab.

Komm erst mal in meine Jahre!

Fozz hat Recht. Ich finde er hat einfach Recht – bemerkte Ben sachlich.

Ich fände es geil wenn sich alle wieder die Haare lang wachsen lassen würden. Denn ein bisschen was weiß ich auch als Nicht-Fozzy. – kommentierte Sarkasmus. Wenn sich alle die Haare lang wachsen lassen würden, und dann so Schlabberklamotten an, und Räucherstäbchen und statt Alkohol, Kaffee und Tabletten wieder ein bisschen mehr kiffen, dann könnte man doch ein wenig mehr friedlich zusammen sein und weniger streiten.

Man könnte sich sogar beginnen zu lieben. – fragte sich Fozzy.

Ja, das fände ich geil! – ergänzte Ingo.

Ich fände es auch geil. Wir könnten anfangen uns zu lieben. Mit langen Haaren.

Man könnte auch die langen Haare als Symbol der Liebe tragen, so wie früher halt.

Und doch anders. Ist ja schon ewig her.

Wirst sehen, das kommt alles wieder.

Hähä und stimmt auch so als Zeichen: Glatze ist Hass, ganz lang die Haare: Liebe.

Na wir könnten das doch direkt anfangen. Freiheit statt Friseur!

Ich hab schon, würde mal sagen, fünfundzwanzig Centimeter.

Ich habe auch mindestens fünfundzwanzig.

Wir hüllen unsere nackten Körper ein mit unseren langen Haaren.

Bärbel flippt aus.

Ja. Aber ich meine, sie ist jung. Sie ist schön. Sie weiß es nur nicht. Nur ich bin alt. Ich werde euch wie Gott zusehen und lächeln.

Hinterlasse einen Kommentar