1. Eins.

Die erste Nacht steht unter der Schirmherrschaft der Königin Monroe.

Auf der Schlangenfarm der Firma Wu war eine große Unruhe entstanden. Die alten Mutterschlangen hatten eine Möglichkeit gefunden durch die Glasscheiben hindurch zu kommunizieren und sie hielten seit einigen Wochen Rat. Sie hatten festgestellt, dass sie, die Drei, die letzten Wildschlangen waren, die hier gefangen gehalten werden. Und nur weil sie das waren stand man ihnen noch ein Leben in einem der Wildnis angepassten Habitat zu. Sie hatten selbst darüber bittere Tränen geweint, lange Jahre in Einsamkeit verbracht, in tiefster Melancholie. Es gab keinen Trost in diesem Glaskasten und sie konnten auch nicht sterben. Die zur Paarungszeit beigelegten Männchen halfen da auch nicht, aber sie konnten sich nicht dagegen wehren, immer wieder den vom Instinkt gesteuerten Ablauf über sich ergehen zu lassen bis zur Eiablage, obwohl sie wussten dass ihre Kinder jedes Mal entfernt wurden und sie als Zuchtmaschinen dienten. Und neben ihnen mittlerweile etliche ihrer Töchter.

Die Entdeckung der neuartigen Kommunikation war für Xi, die älteste der Drei, mit einer derartigen emotionalen Wucht verbunden, dass sie sich erst einmal von ihren Schwestern verabschieden musste, um zu weinen. Und noch einmal genau zu reflektieren wie der Zustand entstehen kann. Er kam über sie, wenn sie sich daran erinnerte als Kind über Sand gelaufen zu sein. Heißen, wärmenden, köstlichen, reinigenden Natursand. Sie musste nur wenige Minuten in diese Erinnerung gehen und sie spürte, wie ihre Schwester Mi im Glaskasten neben ihr an den Duft der Ockersteine dachte und Pi an das reine Blut einer muskulösen Wüstenmaus, welcher sie eben den Tötungszahn in den Nacken gejagt hatte. Und über diese drei Zustände ihrer Erinnerung gerieten sie in Kontakt. Nach so vielen Jahren Einsamkeit war es auch für Mi und Pi sehr erschütternd und immer wieder, während sie sich austauschten, seufzten und weinten sie sehr. Ihr Gespräch fokussierte sich erst viel später, nachdem sie zunächst ihre Emotionen und ihr inneres Weh beschrieben hatten, ihre Sehnsucht nach Freiheit und Normalität, darauf wie man dem Schicksal begegnen könnte und welche Strategie sie finden könnten, um wenigstens ihren Kindern ein besseres Leben zu erschaffen. Es gab die Gebärmaschinen wie sie selbst, die Samenspender und die Nachzucht, welche man schlachtete und häutete. Keines ihrer Kinder kam je in den Genuss einer wahrhaft wild gejagten und getöteten Maus, oder das herrliche Gefühl, echten Sand unter den Schuppen zu spüren. Sie alle vegetierten in Käfigen und weißen Plastikwannen vor sich hin. Und sie konnten nicht sterben. Erst nachdem all diese Umstände grundsätzlich geklärt waren, und sie ihrem Kummer und ihrer Trauer darüber Ausdruck verliehen hatten, konnten sie ihrer Diskussion ein Ziel setzen.

Dieses konnte kein anderes sein als die Wächter zu studieren und eine Möglichkeit zu finden, die Menschen zu manipulieren, ihrer Gefangenschaft ein Ende zu setzen und sie dorthin zu bringen, wo sie hergekommen waren. In die ersehnte und vermisste Wüste. Keine der drei Schlangen kannte die Menschen als nur durch die Hände, die in dicken Handschuhen steckten, um sich an ihnen zu schaffen zu machen, Mäuse oder Besamer in das Terrarium zu werfen. Nur schemenhaft tauchten sie über ihnen auf und erschreckten sie stets. So überlegten sie weiter, verwarfen ihren Plan, fassten einen neuen. Ihre Unruhe legte sich erst, als eine erste gangbare Strategie gefunden zu sein schien.

Dr. Han kratzte sich am linken Ohr. Es juckte ihn so sehr, dass er sich abwenden musste, um nicht dabei gesehen zu werden wie er peinlich tief mit dem Finger darin herumbohrte. Er förderte etwas Ohrenschmalz zu Tage, den er anschließend, unruhig um sich sehend, an eine Wandfliese rieb. Dann jagte er weiter den Flur entlang zum Lift, denn er musste zu einem business meeting mit afrikanischen Geschäftspartnern. Da ihn das schon seit Tagen stresste, ordnete er schließlich das Jucken im Ohr einem psychosomatischen Vorgang zu. Es ging diesmal um ein äußerst brisantes Thema. Man hatte in Kenia und Tansania Schlachthöfe co-finanziert die einen sehenswerten Durchsatz an getöteten und verarbeiteten Eseln hatten. Doch waren nicht nur Tierschutzorganisationen weltweit darauf aufmerksam geworden, es war auch ein riskantes Geschäft. Denn die in jeder Hinsicht durchtriebenen und skrupellosen Wilderer, welche die besonders begehrten Nashörner und Tiger lieferten, hatten sich auf die relativ leicht zu stehlenden Esel geradezu gestürzt. Die Schlachthäuser lohnten sich und machten enormen Umsatz. Nun hatten die beiden Staaten begonnen sich zu wehren. Wieder juckte es ihn. Diesmal in der Nase. Scharfer Schmerz. Dann tränte sein Auge. Er spürte, es würde sich röten. Es waren nun schon so viele Esel aus den Steppen Afrikas zusammengetrieben worden, dass die einfach lebenden Bauern mindestens einen Arbeitsesel verloren hatten. Das konnten selbst die gekauften Politiker nicht mehr verantworten. Sie hatten ihr Land ausbluten lassen. Dr. Han wusste nicht wie er dem Vorsitzenden erklären sollte, dass sie mindestens ein Schlachthaus durch staatliche Schließung verlieren werden. Und auch die anderen werden nicht mehr genug Durchsatz haben, sie werden über kurz oder lang nicht mehr lukrativ sein. Es war eine Fehlentscheidung des Vorsitzenden gewesen, und jeder hatte davor gewarnt, erklärt, auch die Esel Afrikas seien nicht ein unerschöpfliches Reservoir und man könne sie nicht über tausende Kilometer durch unwegsame Steppe karren. Man durfte die Fehler des Vorsitzenden aber nicht ansprechen. Dr. Han wusste, er würde die falsche Entwicklung als Fehler seiner Abteilung bezeichnen müssen.

„Hast Du schon Neuigkeiten von unserem Sohn?„ – fragte Mi bei Xi an, nun schon zum zweiten Mal. Xi konnte die große Erregung ihrer jüngeren Schwester gut verstehen. Wan war ihr Sohn, und er war noch so klein. Und so klug. Mi hatte es geschafft ein Ei zu verstecken und den Sohn Wan heimlich auszutragen. Das allein war schon wie ein Wunder. Doch Wan war das eigentliche Wunder. Obwohl er winzig klein war konnte er innerhalb kürzester Zeit die Kraft der Telepathie lernen und korrekten Gedankenaustausch pflegen. Wan schien von der Schlangengöttin bestrahlt und ausgestattet. So etwas hatte es noch nie gegeben! Nun war er schon zwei Tage fort und führte den Spähauftrag aus. Dieser hatte gelautet: Unbemerktes Eindringen in das Habitat des Menschen, idealerweise auch seine physische Struktur erkunden und sukzessive Rückmeldung an Xi, die am begabtesten war in der telepathischen Kommunikation. Aber er hatte sich noch nicht gemeldet, seit Mi ihn in einer halb gefressenen Laborratte versteckt aus dem Terrarium geschmuggelt hatte. Es war unklar, ob und wie er wieder hereinkommen könnte. Xi züngelte aufgeregt und sorgenvoll.

Versteinerter Miene nahm Dr. Han seine Degradierung hin, nachdem er das Menetekel überbracht hatte. Der Vorsitzende hatte kein Wort gesagt, nur seinem Assistenten etwas hingenuschelt. Das war alles. Kein Dank für die jahrelangen guten Dienste, die wissenschaftliche Erkenntnis, mit der er der Firma über eine Dekade hinweg Alleinstellung verliehen hatte. Nur eine achtlose Bewegung der rechten Hand des Vorsitzenden und Dr. Han wusste Bescheid. Er würde von Glück reden können, wenn er die Rattenkäfige sauber würde halten dürfen und seine eigene Abteilung ihm gute Bewertungen ins Profil schreiben würde. Schon jetzt graute ihm vor der verächtlichen Miene seiner Sekretärin und der Verzweiflung seiner Ehefrau. Als ihr Bild vor seinem inneren Auge aufzog, die beiden Kinder vor sich hingestellt wie eine Sammelanklage fuhr ein so entsetzlicher Schmerz durch seinen Darm, dass er einknickte. Dr. Han klappte in der Körpermitte zusammen und stürzte auf das Gesicht, rollte zur Seite und röchelte. Blut verklebte seinen Augenwinkel und er sah noch, wie der Vorsitzende aufstand, rülpste und geräuschvoll den Saal verließ. Alle Kollegen schienen erstarrt. Endlich hörte Dr. Han, wie seine unendlich mutige Sekretärin nach einem Arzt rief und man ihn alsbald auf eine Trage hob, um ihn in die Krankenstation zu bringen. Da diese in seiner alten Abteilung, der Schlangenzucht, untergebracht war beruhigte sich merkwürdigerweise sein Herzschlag. Es schien ihm dort wie ein Stück Heimat. Wenn ich schon sterben soll, dachte Dr. Han, dann dort. Bei diesem Gedanken ließ sein Schmerz nach.

Pi hörte ihn als Erste. Sie wurde augenblicklich so aufgeregt, dass sie sich aufrichten musste, züngelte ausdrucksstark und das lud Xi und Mi ein, sich einzuloggen.

„Verehrte Mutter, meine geachteten und sehr weisen Tanten, ich konnte einige Informationen sammeln, werde aber noch Zeit brauchen. Heute habe ich die Menschen in einer großen Anzahl gesehen. Sie sehen alle gleich aus. Aber es gibt Geschlechter. Man erkennt die Geschlechter am Geruch und der Stimme. Ich hatte Glück und konnte einen männlichen Probanden untersuchen. Ich werde zunächst über allgemeine Erkenntnisse berichten.

Insgesamt sind sie mangelhaft konstruiert. Sie haben keinerlei funktionstüchtigen Schutz, weder vor Wärme und Kälte, noch vor anderen Umwelteinflüssen. Daher hüllen sie sich in künstlich hergestellte Überzüge, welche sie Kleidung nennen. Ihren Austausch pflegen sie durch abgehackt melodiöse Laute, die sie von sich geben, sobald sie sich treffen. Sie scheinen eine Hierarchie zu haben, denn es gibt Menschen, die über die anderen Menschen hinweg sprechen, ohne dass diese reagieren würden. Die einen hören den anderen zu, ohne selbst das Recht der Rede zu haben. Es gibt Ähnlichkeiten zu unserer Spezies. Wie die Schlange beim Töten der Maus können sie ihre Empathie völlig nivellieren. Sie empfinden dann gleichfalls nichts für ihre Beute und verzehren sie mit Lust. Sie scheinen diese Gefühle relativ gut im Griff zu haben. Sie haben genau wie wir Angst, Stress und Schmerzempfinden. Darauf haben sie keinen Einfluss. Sie haben kein Ehrgefühl für das Alter, keinen Respekt vor den Tieren, weder vor uns noch vor anderen Tieren. Trotz ihrer körperlichen Mangelhaftigkeit, ihrer moralischen Insuffizienz, der nicht genügenden Vorausschau und ebenfalls ungenügenden Fähigkeit des Lernens aus Erfahrung haben sie Macht über alle Strukturen der Welt erlangt. Sie beuten alles aus was sie benötigen, um ihre parasitäre Art zu vermehren. Sie haben so gut wie keine natürlichen Feinde. Sie sind das Zeichen eines völlig entgleisten Ökosystems, so wie laut Geschichtsschreibung Ratten- oder Heuschreckenplagen. Aber aktuell gibt es kein Mittel, das auf ihr Verhalten Einfluss nimmt. Wie gesagt, ich brauche mehr Zeit.“

Xi, Mi und Pi lauschten aufgerichtet und züngelten stark. Sie waren derart stolz auf ihren Sohn, sie wollten tanzen und ihn in ihre Mitte nehmen, ihn nähren und wärmen. Aber er war irgendwo da draußen. So klein und ungeschützt. Aber er hat die Intelligenz von tausend Schlangen.

„Mein Junge,“ sagte Xi, mit dem Privileg der Ältesten. „Du bist auserwählt. Studiere sie weiter. Es muss einen Weg geben, ihrer Zerstörungswucht Einhalt zu gebieten und unsere Spezies und die anderen Tiere zu bewahren. Sei vorsichtig! Was wirst Du jetzt tun?“

Doch so sehr sie auch lauschten, es kam keine Antwort von Wan.

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