1. Drei.

Sie trug einen sehr engen Rock um die eher schmalen Hüften der knapp über dem Knie endete. Dazu mattschwarze hochhackige Lederstiefel. Ihr Gürtel hingegen war sehr breit, seine Schnalle glänzte und in der dunklen Brille reflektierte das Licht einer unbarmherzigen Sonne. Sie hatte ein Tuch mit grün schwarzem Muster über die blonden Haare gelegt. Ein Bild, als hätte man sie aus einer Fotografie heraus geschnitten und in dieses Niemandsland des LKW Rastplatzes hineinmontiert. Pablo kniff die Augen zusammen. Ihre Brüste hatten eine Art Dreiecksform wie die der Filmschönheiten der 50er Jahre, sie zeichneten sich extrem modelliert unter einem cremefarbenen, eng anliegenden Strickpullover. Und sie zeigten genau auf ihn. Genauso wie sie ihn ansah aus ihren blicklosen Augen. Sie hatte auf einer jener hässlichen grün beplankten Bänke Platz genommen und die Beine übergeschlagen. Hinter ihr die ruhenden Schnauzen der LKW’s, einer neben dem anderen. Neben ihr ein tarngrüner Mülleimer dessen Deckel sich ein wenig hob. Er war schon lange nicht mehr geleert worden. Pablo war nun zu nahe heran gekommen um noch unbeteiligt zu wirken. Er ging auf sie zu und verhielt den eigenen Schritt. Sie starrte ihn an. Er trug Jeans, ein kariertes Hemd und einen kleinen Bauch, dazu einen günstigen Sportschuh von Kaufland und sie starrte ihn an. Er zog den LKW Schlüssel aus der Hosentasche und ließ ihn einmal um den Finger kreisen, kniff die Augen zusammen und hätte gern seinen Laster auf das Format eines silbermetallic Porsche Spyder eingedampft. Für einen kurzen Moment hörte er das Röhren der Zylinder. Er hätte fragen können ob sie einsteigen wolle. Doch ihm fiel nichts Besseres ein als zu fragen ob er helfen könne. Kaum war das letzte Wort gesprochen verzog sie die Lippen, wandte sich leicht ab und schlug die Beine in der anderen Richtung übereinander. Er ging noch einen Schritt auf sie zu, kniff die Augen zusammen und realisierte, dass er sie nicht geträumt hatte wie eine verrückte Fata Morgana. Sie war echt.

‚Äh!’ – machte Pablo. ‚Darf ich sie ein Stück mitnehmen?’

‚Können sie näher kommen, ich verstehe nicht!’ antwortete sie. Sie hatte einen Zungenschlag. Ja, sie lispelte. Und sie trug Handschuhe.

‚Noch näher.’ – bat sie. ‚Damit ich nicht so laut sprechen muss bei der Antwort.’ Ihre Lippen waren perfekt geschminkt. Glänzend und ganz rot. Wie Monroe eben. Er hatte nun den vorgeschriebenen Sicherheitsabstand überschritten und konnte ihre Augen schemenhaft hinter dem dunklen Glas erkennen.

‚Woher kommen sie?’ – fragte er. ‚Vielmehr, wie kommen sie denn überhaupt hierher?’

‚Aus Düsseldorf. Ich bin ein blinder Passagier. Werden sie mich auch mitnehmen?’

‚Ja. Wohin soll die Reise denn gehen?’

‚Das ist mir egal. Ich möchte einfach unterwegs sein.’

‚Aber wie sind sie denn überhaupt hierher gekommen?’

‚Das kann ich leider nicht verraten. Aber sie nehmen mich mit, oder?’

Pablo betrachtete ihren schlafenden Körper der sich in seine Koje schmiegte als wäre diese ein Luxusbett. Sie war einfach perfekt. Ihre Haut ganz weiß, ja makellos und von wenigen Muttermalen und Sommersprossen geziert. Ihre Finger sehr gepflegt. Alles, alles so gepflegt. Nur der Liebesakt hatte ihr Makeup durcheinander gebracht, den Lippenstift verschmiert, die rote Farbe klebte auch an seinem Kissen, die Wimperntusche lief ihr etwas unters Auge, ein Lidstrich war verrutscht. Er ließ sie schlafen und setzte sich auf den Bock, startete den Motor und rollte los. Ja, er würde sie einfach mitnehmen. Aber ob sie einen Pass dabei hatte? Früher hätte er keinen Gedanken daran verschwendet, sie einfach in der Koje mitgenommen, aber heute? Die Grenzer schauten auch ins Innere der Fahrerkabine, sie kontrollierten an allen Grenzen sehr streng, und manchmal sogar unterwegs. Er würde sie einfach als seine Lebensgefährtin ausgeben, dabei kannte er noch nicht einmal ihren Namen. Er könnte sie Mari nennen. Oder Mizzi. Das sind unverfängliche Kosenamen. Er wusste nichts über sie, gar nichts.

‚Herr Pablo!’ – hörte er sie in das Röhrgeräusch des Diesels und das Radiogequäke seinen Namen sagen. ‚Warum kennen sie sich so gut aus mit dem Stil der 50er Jahre?’

‚Guten Morgen!’ räusperte er sich und schaltete das Radio ab. Sie hatte den Mund bereits neu geschminkt und ihn konnte er im Rückspiegel erkennen, während sie aus seiner Koje sprach. Einfach perfekt. Wie hatte sie das hinbekommen? Geheimnis der Frauen.

‚Das ist sehr ungewöhnlich für einen Mann wie sie. Waren sie schon immer LKW Fahrer?’

‚Nein. Ich war schon vieles. Aber wissen Sie, ich liebe diese Zeit. Ich bin am 30.9.55 geboren.’

‚Oh Gott! Ist das wahr? Vielleicht sind sie eine Reinkarnation?’

‚Das bin ich bestimmt!’ – grinste er. ‚Aber jetzt ist erst einmal Zeit für einen Kaffee. Und dann erzählen sie mir warum sie wie Marilyn Monroe aussehen und wissen wer an diesem Tag gestorben ist.’ Pablo lenkte den LKW in die Parkzone eines Unterwegsparkplatzes.

‚Und vor allem erzählen sie mir warum sie alleine aus Düsseldorf weg sind, per Autostop mit nur einem Lippenstift im Gepäck.’

‚Sehr gern! Herr Pablo’ hauchte sie in das Sterbegeräusch des Motors.

Pablo braute Nescafé in der Thermoskanne und überließ ihr den Coffee-to-go Becher. Der Kaffee war noch zu heiß, man konnte ihn nicht trinken.
Nach einem weiterem unvermeidlichen Liebesakt streichelte er ihren weißen Po und fragte noch einmal.

‚Schönheit! Jetzt sagst du mir erstmal Deinen Namen!’

‚Manu. Naja.’

‚Gut. Manu, ich möchte noch mehr wissen. Schon klar, oder?’

‚Ich habe es nicht mehr ausgehalten.’

‚Was nicht ausgehalten?’

‚Alles. Meine Wohnung. Ich bin zum Einkaufen. Aber dann stand ich vor der Tür unseres Hauses. Meines Nachbarin, Frau Tritschke kam heraus. Sie trug die Maske wie immer und schaute mich an. Die Haare hingen ihr in die Augen und sie grabschte sich ins Gesicht, um die Strähnen weg zu wischen. An der Oberkante ihrer Maske klebte ein Staubrand. Es wurde mir so schlecht. Ich schaffte es bis zur Wohnungstür, klingelte, stellte den Einkauf hin und wendete mich ab. Ich lief einfach wieder zurück, die Strasse runter bis zur Tankstelle.’

‚Wieso hast du geklingelt?’

‚Damit mein Mann aufmacht und das Zeugs findet und sich selbst versorgt, die nächsten Wochen. Denn ich hatte so Lust zu verreisen. Ich hab es nicht mehr ausgehalten!’

Sie nippte an ihrem Coffee-to-go Becher und zupfte ein wenig an den platinblonden Haaren.

‚Wohin fahren wir, Pablo? Nach Indianapolis?’ – fragte sie.

‚Da fahre ich erst nächste Woche hin. Aktuell fahren wir nach Malmö. Und wir sind bald da.’

‚Ist gut.’ – sagte sie. ‚Ich hoffe du bist mir nicht böse.’

‚Warum sollte ich?’

‚Frau Tritschke, das ist eine Lüge. Ich hab die Quarantäne nicht mehr ausgehalten. Und du hast es jetzt auch. Ich hab dich infiziert. Ich wollte einfach nicht mehr allein Quarantäne machen. Machen wir es jetzt zusammen, du und ich?’

‚Aber ich will nicht so sterben, mein Engel. Wenn, dann wie James Dean.’

‚Dann fahren wir einfach weiter. Wir fahren und fahren. Wir sterben zusammen wie Jimmy, den wir so lieben.’

‚Ist gut.’ – sagte er. ‚Ich bin dir nicht böse.’

Ein Kommentar zu „1. Drei.

  1. Diese Geschichte erinnert mich an einen Film, den ich vor kurzem sah, nur ist sie viel heiterer, trotzdem man das vom Setting so nicht erwarten würde. Hat mir sehr gefallen, die Wendung: Da sah sie ihre Nachbarin mit dem grauen Rand über der Maske und hielt es nicht mehr aus. Kennt, glaub ich, jeder irgendwie das Gefühl.

    Like

Hinterlasse eine Antwort zu Steffi Antwort abbrechen